Michel Foucault war ein nietzscheanischer Erbe Kants. Als solcher steht er für eine epistemische „Spiegelung des Transzendentalen ins Historische“ (Andrea Hemminger). Sein kritischer Denkansatz transformiert die transzendentale Frage Immanuel Kants nach den Möglichkeitsbedingungen menschlicher Erkenntnis und ist radikal geschichtlich im Sinne Friedrich Nietzsches: Auch die Wahrheit hat eine Genealogie – und die Geschichte ist die Bedingung ihrer Möglichkeit. Jürgen Habermas in komplementärer Weise umkehrend, betrieb er daher Gesellschaftstheorie als historische Erkenntniskritik.
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Geschichte aber ist per se kontingent. Und Kontingenz heißt mit Niklas Luhmann: es könnte auch ganz anders sein. Diese Kontingenz ist radikal, d. h. sie rührt an die Wurzel (lat. radix) einer jeden Ordnung der Dinge – eine radikale Kontingenz, die selbst wiederum in reaktiver Weise mit kontingenter Radikalität verbunden ist: auch diese könnte ganz anders sein. Auf die radikalen Kontingenzen der Gegenwart reagiert daher ein ganzes Spektrum kontingenter Radikalitäten, dessen Spannweite auch im Diskursfeld der Theologie von geschlossenen, autoritären und identitären Fundamentalismen bis hin zu ihrem offenen, emanzipatorischen und alteritären Gegenteil reicht.
Foucault steht in diesem Kontext für antifundamentalistische „Kontingenzöffnungen“ (Andreas Reckwitz) im Geist spätmoderner Aufklärung. Seine Forschungen haben geschichtliche Konstellationen vom historischen Material her subversiv geöffnet: auch sie könnten ganz anders sein. Das gilt auch für die Diskursarchive und Praxisfelder des christlichen Glaubens. Auch dessen Wissensformationen, Machtdispositive und Selbsttechniken lassen sich kritisch überschreitend transformieren. Denn die jeweilige Form auch dieser Diskurse, Praktiken und Spiritualitäten ist nicht überzeitlich notwendig, sondern historisch kontingent, d. h. prinzipiell veränderbar.
Angesichts der postkolonialen Dringlichkeit, die „Aufklärung vor Europa“ (Nikita Dhawan) zu retten, ist das nicht nur möglich, sondern auch in höchstem Maße notwendig. Die potenzielle Veränderbarkeit der Sexismen, Rassismen und Klassismen unserer Zeit hat in der Kontingenz des Christlichen eine entsprechend spätaufklärerische Hoffnungsstruktur: sie ist „möglich, aber unverfügbar“ (Jonas Grethlein). Ihre prinzipielle Möglichkeit ist Quentin Meillassoux zufolge die – vielleicht sogar die einzige – Notwendigkeit schlechthin. Diese notwendige Möglichkeit des Kontingenten macht notwendigerweise kreativ. Das gilt auch für eine christliche (oder andersreligiöse) Theologie, die sich als kontingenzsensible „Radical Theology“ (John Caputo) anlässlich des 100. Geburtstags von Michel Foucault neugierig und mutig dessen epistemischer, aber auch existenzieller Herausforderung stellt.
